Benennung

Johanna Dombois

Datum der letzten Änderung

14.09.2010 13:05:15

©

2013

Werkstoff

Regie|>Oper|>Neues Musiktheater

Datum der letzten Ansicht

22.05.2013 18:18:36

Blatt

0001

02 02

Leseprobe:

Johanna Dombois: Kinder, macht mehr davon! Frieder Reininghaus/ Katja Schneider (Hg.): Experimentelles Musik- und Tanztheater. Laaber 2004 (Handbuch der Musik im 20. Jahrhundert. Bd. 7). In: Die Deutsche Bühne. 76. Jg., Heft 08, 2005, S. 61-62.

Nachdem der letzte Teil von Ulrich Schreibers ›Opernführer für Fortgeschrittene‹ noch immer nicht erschienen und das 20. Jahrhundert für das Musiktheater nach wie vor nicht zusammenhängend dargestellt ist, haben Frieder Reininghaus und Katja Schneider mit ihrer Neuerscheinung ›Experimentelles Musik- und Tanztheater‹ diese schmerzhafte Lücke geschlossen. Freilich, man hat hier versucht, mit runden Steinchen ein eckiges Intarsienbett aufzufüllen. Doch von vorn.

Mit dem 7. Bd. des ›Handbuchs der Musik im 20. Jahrhundert‹ liegt eine gewichtige Publikation vor: 99 Beiträge von 48 Fachautoren, die, stilistisch homogen, entlang einer unaufdringlichen Chronologie über nationale und internationale Tendenzen dessen berichten, was auf und hinter der Bühne als ›experimentell‹ gehandelt wird – ein Nachschlagewerk, das nicht nur zum Durchsuchen, sondern auch zum Durchlesen verführt und das den Bogen spannt von Antheil bis Zender, vom Serpentinkostüm bis zur Animationssoftware, vom ›Untergang des Abendlandes‹ bis zu ›Work in Progress‹ – kurz, ein Buch, so substantiell, dass es dem Experimentellen fast schon zu widersprechen droht. Das Cover zeigt halbnackte Körper in blutheißen Farben – auch dies vielleicht eine etwas überholte Vorstellung.

Aber man findet sich zurecht in diesem Buch. Nichts bremst, und das ist ein kleines Bravourstück, denn das Bezwingende daran ist nun, dass dieser Schein uns gleichzeitig betrügt. Hinter der Versiegelung verbirgt sich nämlich eine erfrischend unsichere Publikation. Bezeichnend, dass das erste Wort des ersten Artikels den »Ton« beziffert, der »[mit]geht«, das letzte indes die »Sprachlosigkeit« – dazwischen liegt, was selbst zum Experiment werden musste: die Auseinandersetzung mit zwei Bühnenkünsten, die wie die ungleichen Schwestern zwar miteinander spielen, die aber gemeinsam auf ein Porträt nicht passen wollen. Will sagen, eine Gesamtdarstellung war hier nicht zu erwarten. Die Herausgeber implizieren keinen Vollständigkeitsanspruch, höchstens machen sie sich durch »Methodenpluralismus« einer Einheitssuche im romantischen Sinn verdächtig. Aber auch eine selbstdurchlöcherte Oberfläche schützt bekanntlich vor der Tiefe nicht.

Ergo: es ist nicht schlimm, dass das Ganze nicht hält, was es nicht verspricht. ...

...

das Buch vermittelt ein Gefühl dessen, was es zu beschreiben sucht. Hatte Wagner deklamiert: »Kinder, macht Neues!«, so haben Reininghaus/ Schneider es geschafft, dieses Neue in Worte zu fassen. Vor uns also eine hellwache Mischung aus Information und Wissen, die sich selbst nicht scheut, den »Tränentropfenton« poetisch zu umschleiern, wo es um das Höchste geht, und den »Edelmenschen-Bombast« zu benennen, wo um das Niedrigste.